„Wichtiger als Noten und Trends“

„Wichtiger als Noten und Trends“

Berufsorientierung beginnt nicht mit einem fertigen Plan, sondern mit den richtigen Fragen. Wer sie sich ehrlich beantwortet, kommt dem passenden Ausbildungsplatz ein großes Stück näher.

Die Schulzeit neigt sich dem Ende zu und plötzlich steht eine der wichtigsten Entscheidungen an: Welcher berufliche Weg passt eigentlich zu mir? Ausbildung, Studium oder etwas ganz anderes? Viele Jugendliche fühlen sich in dieser Phase orientierungslos – und das ist völlig normal. „Vor der Entscheidung sollten Jugendliche nicht nach Berufen suchen, sondern sich selbst besser verstehen“, betont Johannes Wilbert vom Institut zur Berufswahl in Düsseldorf. Der Experte nennt Beispiele für hilfreiche Fragen: Was gibt mir Energie und was raubt sie mir? Arbeite ich lieber konkret mit Menschen, Dingen oder Ideen? Wie gehe ich mit Verantwortung um: wachse ich hinein oder blockiert sie mich? Brauche ich Sicherheit oder eher Gestaltungsfreiheit – und wie selbstständig kann und will ich aktuell lernen?

„Diese Fragen sind oft wichtiger als Noten oder Trendberufe“, sagt Wilbert. „Wer sie ehrlich beantwortet, trifft in der Regel tragfähigere Entscheidungen.“

Das Zeugnis spielt bei der Berufswahl oft eine geringere Rolle, als viele denken. „Schulnoten zeigen vor allem Anpassungs- und Reproduktionsleistung, aber nur begrenzt Persönlichkeit, Motivation oder Potenzial“, meint Johannes Wilbert. „Stärken werden vor allem im Tun sichtbar.“ Hilfreich sind daher praktische Erfahrungen wie Praktika, Nebenjobs, Projekte oder ehrenamtliches Engagement. Dabei zeigt sich schnell, ob die Tätigkeit Freude macht oder ob sich der Tag „wie Kaugummi“ zieht. Rückmeldungen von außen, beispielsweise zu Verlässlichkeit, Kreativität oder Denkweise, geben oft ein klareres Bild als Zeugnisse. „Orientierung entsteht nicht durch frühe Festlegung, sondern durch reflektierte Erfahrung“, sagt der Berufswahlexperte. „Jugendliche brauchen dafür Raum und Erwachsene, die nicht vorschnell bewerten.“

Eine tragfähige Entscheidung vorbereiten


Für Wolfgang Trefzger, Geschäftsführer Bildung der Industrie- und Handelskammer (IHK) NRW, beginnt gute Orientierung ebenfalls mit ehrlicher Selbstreflexion. Spannende Fragen sind: Was interessiert mich wirklich als Tätigkeit? Oder: Wie arbeite und lerne ich gern? Genauso wichtig sei jedoch auch der Blick nach außen: Wie stehen die Chancen auf dem Arbeitsmarkt? Welche Möglichkeiten eröffnet der Weg, den ich ins Auge fasse? „Eine tragfähige Entscheidung entsteht dort, wo eigene Stärken und Interessen mit realistischen beruflichen Chancen zusammenkommen“, bringt er es auf den Punkt. „Dabei geht es nicht um eine endgültige Festlegung, sondern um eine bewusste Entscheidungsvorbereitung.“

Wer sich früh informiert und verschiedene Möglichkeiten ausprobiert, hat einen klaren Vorteil. Es ist hilfreich, die eigenen Stärken zu kennen und gleichzeitig zu schauen, welche Chancen es gerade auf dem Arbeitsmarkt gibt. So entsteht Schritt für Schritt eine gute Basis für den Start ins Berufsleben. Wichtig ist ein Bildungsweg, der Orientierung gibt und trotzdem genug Freiheit lässt, Neues auszuprobieren und sich weiterzuentwickeln. So bleiben auch später viele berufliche Wege offen.

Eindrücke und Feedback sammeln


Viele Jugendliche informieren sich heute online, sprechen mit Freunden oder holen sich Rückmeldungen aus der Familie. Doch besonders wertvoll sind Gespräche mit Menschen, die den Weg bereits gegangen sind. Spezielle Ausbildungsbotschafter berichten in Schulen aus ihrem Alltag, beantworten Fragen auf Augenhöhe und geben Einblicke, die kein Flyer bieten kann. Diese Eindrücke lassen sich durch persönliche Kontakte zu Betrieben vertiefen, etwa über ein Praktikum oder ein direktes Gespräch zu einer konkreten Ausbildungsmöglichkeit. Begleitet wird der Prozess durch Beratungsangebote der Arbeitsagenturen sowie durch die Matching- und Vermittlungsangebote der Kammern. „Entscheidend ist das Zusammenspiel aus eigenen Recherchen, persönlichen Einblicken und fundierter Beratung“, sagt Wolfgang Trefzger. „So entsteht eine Entscheidung, die sowohl zu den Interessen der Jugendlichen als auch zu den Anforderungen der Unternehmen passt.“

Brigitte Bonder