Seit vergangenem Jahr bilden heimische Unternehmen Kaufleute im E-Commerce aus.

Michelle Schulz hat alle Hände voll zu tun. „Mittendrin statt nur dabei“, sagt die junge Auszubildende bei Walbusch in Solingen und deutet auf das Team, das sich gerade um die Artikelpflege im Online-Shop des großen Modeunternehmens kümmert. Fotos und Texte, besondere Serviceangebote, Neuheiten und Aktionen: Was der Kunde am Ende im Shop auf der Internetseite findet, will gut durchdacht und professionell erarbeitet werden. „Bei uns gibt es einen großen E-Commerce-Bereich“, erzählt Michelle Schulz, „mit verschiedenen Teams.“ Gleich zu Beginn ihrer Ausbildung habe sie erste Einblicke zur Bestückung des Online-Shops, zur Planung und Konzeption und zum Aufbau der Seite erhalten. Inzwischen kann sie das Team längst unterstützen.

Die 20-Jährige gehört zum ersten Ausbildungsjahrgang zur Kauffrau im E-Commerce. Erst vor zwei Jahren wurden sich Politik, Arbeitgeber und Schulen einig und brachten eine Ausbildungsordnung für das neue Fach auf den Weg, seit vergangenem Jahr wird in den ersten Unternehmen ausgebildet. „Online-Shops gibt es schon ewig“, sagt Michael Oelkers vom Aus- und Weiterbildungsbereich der Bergischen Industrie- und Handelskammer, „es wurde allerhöchste Zeit, dass wir für diese Aufgabe auch Spezialisten ausbilden können.“ Viele Unternehmen hätten seit Jahren mit den Füßen gescharrt. Und das aus gutem Grund: Fachleute für das Geschäft im Internet seien Mangelware. „Gleichzeitig wird der Online-Sektor aber immer wichtiger“, erklärt der IHK-Referent. Neue Märkte ließen sich viel schneller erschließen, Websites seien schnell in 20 Sprachen zu übersetzen. Nur einen entsprechenden Ausbildungsgang gab es nicht. „Als es dann so weit war, haben wir Betriebe angeschrieben, zu Infoveranstaltungen eingeladen und Unternehmen besucht“, erzählt Oelkers, „wir wollten herausfinden, was für eine qualitativ hochwertige Ausbildung nötig ist, wo Partner gebraucht werden.“ Die IHK baute ein Netzwerk auf, um die Akteure in dem neuen Bereich miteinander ins Gespräch zu bringen. Und weil das Interesse der Unternehmen so groß war, fand sich mit dem Berufskolleg in Barmen auch eine Bildungseinrichtung, die in der Nähe die Beschulung übernahm.

„Die Ausbildung ist anspruchsvoll“, sagt Oelkers. Auf der einen Seite steht die konventionelle kaufmännische Ausbildung, auf der anderen die Fokussierung auf das Online-Geschäft: Vertriebskanäle und Nutzerverhalten wollen erlernt werden, Produktdaten für den Kunden eingestellt, Bezahlsystemen ausgewählt und Testmethoden festgesetzt werden. Dazu kommen Analyse und Online-Marketing. Oelkers betont die Abgrenzung zum IT-Bereich – es bleibe eine kaufmännische Ausbildung.

Das reizte auch Michelle Schulz: „Ich probiere gerne Neues aus und weil ich selber gerne online einkaufe, hat mich interessiert, wie ein Online-Shop funktioniert“, sagt die Auszubildende. Sie habe hinter die Kulissen schauen wollen. Das war ganz im Sinne des Solinger Mode-Unternehmens. „Wir haben lange auf einen Ausbildungsberuf gewartet, der speziell auf die Bedürfnisse im E-Commerce zugeschnitten ist“, sagt Jennifer Schneller, Abteilungsleiterin Category- und Content-Management im E-Commerce bei Walbusch. Jetzt sei E-Commerce nicht mehr nur „nebenbei“ ein Thema, sondern Auszubildende könnten sich von Beginn der beruflichen Ausbildung an mit den vertrieblichen, organisatorischen und technischen Gesichtspunkten auseinandersetzen. Und: Fachkräfte im Online-Umfeld seien hart umkämpft. Da liege es nahe, bereits beim Nachwuchs aktiv zu werden.

Ähnlich geht es auch dem Solinger Verpackungsspezialisten Brangs + Heinrich. Ab dem neuen Ausbildungsjahr beschäftigt das Großhandelsunternehmen Auszubildende für Kaufleute im E-Commerce. „Wir haben das Thema bisher aus den eigenen Reihen mit externer Unterstützung gestemmt“, sagt Ausbildungsleiter Peter Knöppke, „es ist gut, wenn wir nun eigene Fachleute ausbilden können.“ Für den Großhandel ist das Thema E-Commerce erst in den vergangenen Jahren aktuell geworden. Bisher habe man ausschließlich den direkten Kundenkontakt gesucht und gepflegt. Das werde im Großhandel auch künftig den größten Teil des Geschäfts ausmachen, sagt Knöppke. Aber auch hier nehme der Handel im Internet zu. „Wir streben an, fünf Prozent des Umsatzes im Online-Shop zu machen“, sagt Knöppke. Und deswegen komme es dem Unternehmen entgegen, dass der neue Ausbildungsgang entstanden sei. „Denn mit dem Onlineshop haben sich zum Beispiel Fragen nach neuen Bezahlweisen und einer neuen Produktpräsentation gestellt“, erklärt er. Brangs + Heinrich reagierte und bildet nun also auch Kaufleute im E-Commerce aus. „Die Auszubildenden durchlaufen aber alle Abteilungen“, erklärt Knöppke, „das ist uns wichtig, damit sie die Prozesse verstehen lernen.“

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