Für viele Jugendliche mit Abitur oder Fachhochschulreife ist das Studium der selbstverständliche nächste Schritt. Doch man muss nicht alles seinen Mitschülern gleichtun.

Von Brigitte Bonder

Bildung steht in Deutschland hoch im Kurs, und immer mehr junge Menschen streben ein Studium an. Sie versprechen sich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, ein geringeres Arbeitslosenrisiko und einen höheren Verdienst im späteren Beruf. Dabei gibt es in Deutschland mit der dualen Berufsausbildung eine interessante Alternative zur Hochschule. „Die Unternehmen brauchen sowohl akademische als auch dual ausgebildete junge Menschen“, erklärt Christian Henke, Geschäftsführer der Handwerkskammer Düsseldorf. „Trotzdem gibt es gute Gründe, die für eine duale Ausbildung sprechen.“ Junge Menschen lernen einen Beruf von der Pike auf und haben dank praktischer Erfahrungen oftmals einen leichteren Einstieg ins Berufsleben. Zudem verdienen Jugendliche vom ersten Tag an Geld und profitieren von einer größeren finanziellen Unabhängigkeit.

Ein weiterer Pluspunkt ist das klare Ziel der dualen Ausbildung. „Bereits nach drei Jahren ist in der Regel der Berufsabschluss in der Tasche und der Grundstein für eine erfolgreiche Karriere gelegt“, betont Daniel Busse, Berufs- und Studienberater in der Agentur für Arbeit Düsseldorf. „Während der Ausbildung findet zudem ein Reifeprozess statt, der für die weitere berufliche Entwicklung von Vorteil ist.“ Weiterqualifizierungen zum Techniker, zum Betriebs- oder Fachwirt sind anschließend ebenso möglich wie die Meisterfortbildung. Und da der Meister und der staatlich geprüfte Betriebswirt dem Bachelor gleichgestellt sind, kann auch ein Master Studium an der Universität angestrebt werden. „Man sollte auch nicht unterschätzen, wie wertvoll das Netzwerk ist, das während einer Ausbildung aufgebaut wird“, betont Busse. „Es entstehen viele Kontakte, beispielsweise zu Kunden und Geschäftspartnern, und oft ergeben sich aus diesem Netzwerk nächste berufliche Schritte, falls es nicht der weitere Weg im Ausbildungsbetrieb ist.“

GUTE AUSSICHTEN FÜR DEN NACHWUCHS

Karrieren mit dualer Ausbildung sind derzeit besonders aussichtsreich, denn der Fachkräftemangel hat nahezu alle Branchen erreicht. Der Ausbildungsmarkt hat sich in den letzten Jahren zu einem Bewerbermarkt entwickelt, und viele Betriebe suchen händeringend Nachwuchs. Das erhöht die Chance, die Wunschlehrstelle zu bekommen.

Dazu brummt die Konjunktur in vielen Handwerksbereichen, insbesondere in den Berufen, die für die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft hin zu einer Klimaneutralität unverzichtbar sind. „Hier sind die Berufs- und Karrierechancen glänzend“, erklärt Christian Henke. „Einschließlich entsprechender Verdienstmöglichkeiten.”

Nach der Ausbildung geht es für die jungen Menschen in den Unternehmen zumeist gut weiter. Die Betriebe haben viel in den Nachwuchs investiert und bieten interessante Übernahmechancen, schließlich möchten sie die Mitarbeiter langfristig an sich binden. Daher haben sie ein großes Interesse daran, ihre Nachwuchskräfte nach oben zu bringen.

Eine weitere Karrierechance besteht darin, Chef im eigenen Unternehmen zu werden. Das Angebot ist derzeit groß. „Allein im Kammerbezirk Düsseldorf stehen in den nächsten Jahren tausende Handwerksbetriebe zur Übernahme an, weil die derzeitigen Betriebsinhaber in den wohlverdienten Ruhestand gehen und keine Nachfolger haben“, weiß Henke. „Derartige Start-ups sind vielleicht auf den ersten Blick nicht ganz so hip wie Start-ups aus dem Internet-Business. Auf den zweiten Blick bieten sie aber beste Chancen, sich selbst zu verwirklichen, Erfolg zu haben und gutes Geld zu verdienen.“

ALLE OPTIONEN GENAU DURCHDENKEN

Bei der Entscheidung für Studium oder Ausbildung spielt das Umfeld häufig eine große Rolle. „Wer studieren will, soll das auf jeden Fall tun und ausprobieren, ob ein Studium etwas für ihn oder sie ist“, rät Christian Henke. „Wer aber nur zur Uni geht, weil alle das machen, kann schnell zu dem Drittel gehören, das sein Studium frühzeitig abbricht.“ Junge Menschen sollten daher frühzeitig alle Optionen für sich prüfen und sich fragen, wofür sie eigentlich „brennen“, also sich richtig begeistern können. Schließlich sollen Ausbildung und Arbeit Freude machen.

„Bei der Entscheidung, ob Ausbildung oder Studium, geht es auch darum, was für ein Lerntyp man eigentlich ist“, betont Daniel Busse von der Arbeitsagentur. „Habe ich Lust, wissenschaftlich zu arbeiten, oder möchte ich lieber anpacken und das Theoretische mit dem Praktischen verbinden?“ Wichtig ist auch zu wissen, dass heute keine Entscheidung mehr endgültig ist, denn das Bildungssystem ist durchlässig in jede Richtung. Auch Ausbildungen und Studiengänge verändern sich permanent. „Heutzutage bedeutet der Einstieg in eine Ausbildung oder in ein Studium keineswegs, sich für immer und ewig festzulegen“, weiß Busse. „Es ist ein wichtiger Schritt, jedoch einer, bei dem ich immer wieder nachjustieren kann.“ Für beide Qualifizierungswege gilt: Ausbildung und Studium sind heute nur noch die Basis für ein lebenslanges Lernen.